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Führen ohne Chef – völlig verrückt oder doch zukunftsweisend?

Unternehmen, die im digitalen Zeitalter bestehen oder sogar wachsen wollen, müssen offen sein für Innovationen. Das ist längst kein Geheimnis mehr. Mit Begriffen wie „Innovationsmanagement“ und „Unternehmenskultur“ um sich zu werfen, gehört schon fast zum guten Ton. Und auch die dafür nötige Organisationsveränderung ist längst in aller Munde. Sofern man diese auf die Veränderung einzelner Prozessabläufe und Entwicklungen bestimmter Abteilungen bezieht. Spricht man jedoch von einer Organisationsveränderung, die beim Management ansetzt und den Führungsstil in Frage stellt, sieht das Ganze schon anders aus. Und verwendet man gar Begriffe wie „Selbstorganisation“ oder „Holokratie“ – also vereinfacht gesagt das „Führen ohne Chef“ – dann ist die Lage eine völlig andere. Aber nicht hoffnungslos.

Selbstorganisation als Selbstversuch

Noch vor einigen Jahren waren Schlagwörter wie „Selbstorganisation“ und „Sinn in der Arbeit“ etwas für esoterisch angehauchte Weltverbesserer. Ideen von und für Idealisten, die bestenfalls belächelt wurden. Eine Tatsache, die wir von ITdesign am eigenen Leib erfahren haben, als wir vor nun mehr 12 Jahren beschlossen haben, die Hierarchien auf den Kopf zu stellen und eine völlig neue Organisationsform anzunehmen und zu leben.
Eine Organisationsform im Sinne der Selbstorganisation – mit wenig Hierarchie, dafür umso mehr Selbstverantwortung. Es gibt nahezu keine Kontrollen, weil wir darauf vertrauen, dass jeder sein Bestes gibt. Die Zusammenarbeit intern, als auch extern mit unseren Kunden und Lieferanten, ist über niedergeschriebene Werte geregelt, deren Einhaltung eingefordert werden kann.
Im Wesentlichen unterscheidet sich unsere Organisationsform im Vergleich zu konventionellen Unternehmen in drei Punkten:

Autoritätsverteilung:
Die einzelnen Home-LANs (so werden die Abteilungen bei ITdesign genannt) sind selbst organisiert. Sie wählen ihre Sprecher (Abteilungsleiter) jährlich neu – niemand darf zwei Perioden
hintereinander übernehmen. Diese Sprecher bilden mit den beiden Geschäftsführern das so genannte Koordinations-LAN oder kurz K-LAN (erweiterte Geschäftsführung). Die Geschäftsführer sind als Einzige ständige Mitglieder im K-LAN. Aus rechtlichen Gründen müssen Geschäftsführer vorhanden sein, für das Funktionieren unseres Unternehmens sind sie jedoch unerheblich.

Entscheidungsprozesse:
Jede Entscheidung, die nur ein Home-LAN betrifft, wird im jeweiligen Home-LAN getroffen. Home-LAN-übergreifende Entscheidungen werden im Koordinations-LAN getroffen. Jedes Mitglied des K-LANs kann seine Kollegen im Home-LAN fragen, ob sie damit einverstanden sind. Wenn sie nicht einverstanden sind, müssen Verbesserungsvorschläge eingebracht werden. Entscheidungen werden stets per demokratischem Konsens getroffen: Jeder hat eine Stimme. Es wird diskutiert bis alle gröberen Einwände ausgeräumt sind und sich alle einigen. Die Geschäftsführer haben dabei auch nur ein einfaches Stimmrecht. Um der formalen Haftung Rechnung zu tragen, haben sie jedoch ein Vetorecht – etwa für hochriskante finanzielle Entscheidungen – das aber bisher nicht eingesetzt wurde und bestenfalls auch nie eingesetzt wird.

Transparenz:
Bei ITdesign ist alles transparent – von den Entscheidungsprozessen über Kennzahlen und Budgets bis hin zu den Gehältern. Prämien werden im K-LAN entschieden. Jeder weiß auf den Euro genau, was der andere verdient oder wer wieviel für das Firmenauto bezahlt.

Eine Frage, die mir öfter gestellt wurde, ist, wie ich Verfechter einer Struktur sein kann, die zur Entmachtung meiner eigenen Person als Geschäftsführer führt. Die Antwort ist ganz einfach: Weil ich davon überzeugt bin, dass 50 gescheite Leute mehr und Besseres schaffen können als einer oder zwei Geschäftsführer es jemals könnten. Ein schönes Beispiel für den Erfolg unserer Organisationsform ist die Wirtschaftskrise: Wir haben den Mitarbeitern 2009 klar gesagt, dass die Personalkosten unser größter Ausgabenposten sind und wir einsparen müssen, um stabil zu bleiben und nach ihren Ideen gefragt. Die Mitarbeiter kamen dann mit individuellen Vorschlägen, die es ermöglicht haben, 10% der Kosten einzusparen. So hat es das Unternehmen geschafft, keinen Mitarbeiter kündigen zu müssen. Noch im selben Geschäftsjahr konnte alles “Geborgte” wieder zurückgegeben werden.

Vom Selbstversuch zum Pionier

Inzwischen ist unsere Organisationsform, die wir seit 12 Jahren leben, salonfähig geworden. Das Schmunzeln, wenn ich von unseren Erfahrungen berichte, hat sich mit der Zeit in einen interessierten Gesichtsausdruck verwandelt.

Als mich Christian Hauser, in Österreich anerkannter Spezialist auf dem Gebiet der Selbstorganisation, auf die „Freiräume“, die (Un)Conference für neue Organisations- und Arbeitsformen, aufmerksam gemacht hat, bin ich voriges Jahr erstmals nach Graz gefahren, um zu sehen was dort passiert. Ich habe als Unternehmenspionier über unsere Organisationsform berichtet und mich mit anderen über ihre Erfahrungen mit neuen Organisations- und Arbeitsformen ausgetauscht.
Eigentlich habe ich mich auf ein paar Eingeschworene eingestellt, die sich über zukünftige Organisationsformen, die zur Digitalisierung passen, austauschen. Überaus überrascht war ich dann, als ich die 200 Leute gesehen habe und erkennen durfte, wie viele Personen und Unternehmen sich bereits mit dem Thema auseinandersetzen.
Daher war für mich ganz klar, dass ich auch dieses Jahr wieder als Pionier an der „Freiräume 2019“ teilnehmen werde. Eine tolle Veranstaltung, die ich nur wärmstens empfehlen kann. Ich würde mich freuen, wenn Sie uns auf unserer Pionierstation besuchen würden und berichte Ihnen gerne mehr über unsere Erfahrungen.

Vor 12 Jahren hat ITdesign mit der auf Selbstorganisation aufgebauten Organisationsform einen völlig neuen Weg beschritten, der zugegebenermaßen nicht immer leicht war. Aber es hat sich gelohnt: ITdesign ist heute ein agiles und modernes Unternehmen, das flexibel agieren und sich den ständig wechselnden Anforderungen perfekt anpassen kann.

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